Es ist zwar schon eine Woche her, dennoch: Europa trauert. Um Altkanzler Helmut Kohl. Bei den Trauerreden gab es einen Aspekt, der für mich als (neurobiologisch interessierter) Psychodramatiker von Interesse war. Sowohl Frau Merkel wie Herr Juncker wandten sich im Laufe ihrer Trauerrede direkt an den Verstorbenen selbst, und zeigten sich dabei ungewohnt emotional:

  • Juncker nahm für sich in Anspruch, als Freund und nicht als EU-Kommissionspräsident zu sprechen [eine Rollendefinition] und gegen Ende äußerte er eine Bitte, vielleicht war es sogar eine Mahnung, direkt an den Mann in dem Sarg neben ihn: „Du hast genug getan, ruhe in Frieden, Herr Bundeskanzler und Freund. Du hast Ruhe verdient, ewige Ruhe.“ Und er solle im Himmel bloß nicht als erstes auf den Gedanken kommen, einen CDU-Ortsverein zu gründen. <https://youtu.be/_KfqsBhOiBY>
  • Merkel machte es auf ihre etwas sprödere formelle Art und dankte Kohl auch persönlich <https://youtu.be/gNOJWS1Atyc>: „Lieber Bundeskanzler Helmut Kohl, dass ich hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil. Danke für die Chancen, die Sie mir gegeben haben“, sagte Merkel über ihren politischen Ziehvater. Sie richtete dabei ihren Blick auf den Sarg und hatte später Tränen in den Augen. „Jetzt ist es an uns, Ihr Vermächtnis zu bewahren“

Das interessante daran ist, dass sie beide aus der distanzierten Sprechweise über den teuren Verstorbenen in die involvierte direkte Ansprache zum Verstorbenen hin wechselten – etwas, was wir beim psychodramatischen Arbeiten ja häufig tun (z.B. bei der Zeugenarbeit nach Williams), die ProtagonistIn am Bühnenrand, in der Erwärmungszone – also distanziert – zu interviewen, was sie ihren Antagonisten mitteilen möchte, und sie dann zu bitten, dies dem antagonistischen Mitspieler direkt – also involviert – zu sagen. Also eine Begegnung zu beginnen – die dann mit dem Rollentausch zur Wechselseitigkeit vervollständigt wird.

Die Unterscheidung zwischen Involviertheit und Distanziertheit geht auf Norbert Elias zurück und wird von der Hirnforschung unterstützt. Dort gibt es Untersuchungen zur 1st-person vs. 3rd-person-perspective, bei der deutlich wird, dass bei der 1st-person-perspective – also dem Empfinden, selbst direkt angesprochen zu sein – vorwiegend Amygdala und Bereiche im Hirnstamm aktiv sind, während bei der 3rd-person-perspective vorwiegend der NeoCortex aktiviert ist.

Eine Konsequenz, die ich aus dieser Erkenntnis der Neurophysiologie gezogen habe, besteht darin, dass ich keinen Supervisanden und keinen Coachee mehr aus der Sitzung entlasse, ohne dass er oder sie rollenspielend direkt zu einer anderen Person ihres Anliegen-Szenarios – eben involviert – gesprochen hat. Es ist spannend, wieviele Frösche sich da dann doch noch in der Kehle festsetzen, egal wie gut die Interaktion zuvor distanziert erarbeitet und ausformuliert worden ist

Soweit skizzenhaft, wieso Merkel bei der direkten Ansprache die Tränen  in die Augen stiegen.