Vor kurzem bin ich über eine Rede von Gerald Hüther gestolpert, der einer der bekanntesten deutschen Hirnforscher ist. Die Rede drehte sich um »Die Strukturierung des menschlichen Gehirns durch soziale Erfahrungen«. Beim Durchlesen kam mir gleich Morenos bekanntes Zitat in den Kopf:  „Jedes wahre zweite Mal ist die Befreiung vom ersten” (Stegreiftheater 1924, 75-78).

Ob man jetzt den momentanen „Hype” um Neurobiologie und Hirnforschung mag oder nicht, die Ähnlichkeit zwischen Hüthers Gedanken und der Philosophie Morenos fällt ins Auge:

„Neuere Erkenntnisse der Hirnforscher haben deutlich gemacht, dass das menschliche Gehirn in viel stärkerem Maß als bisher angenommen durch die in sozialen Beziehungen gemachten Erfahrungen strukturiert wird. Diese sozialen Beziehungserfahrungen werden in den komplexesten Bereichen des Gehirns verankert. Sie bilden die Grundlage für die Herausbildung von subjektiven inneren Einstellungen und Haltungen, die ausschlaggebend dafür sind, wie und wofür eine Person ihr Gehirn benutzt, d. h. mit anderen Menschen und mit den Phänomenen der äußeren Welt in Beziehung tritt. Diese einmal entstandenen Haltungen und Einstellungen sind zeitlebens veränderbar, allerdings nicht durch kognitive Belehrungen und Ratschläge und auch nicht durch emotionale Zuwendung, sondern nur durch neue, andere Erfahrungen, die der betreffende Mensch in der Beziehung zu anderen Personen macht.

Damit solche neuen Erfahrungen möglich werden, müssen in sozialen Konfliktsituationen gefangene Personen eingeladen, ermutigt und inspiriert werden, eine neue, andere Erfahrung in der Beziehung miteinander machen zu wollen. Nur so kann aus diesen neuen Erfahrungen eine neue innere Haltung und Einstellung zueinander erwachsen, die dann auch zu einer neuen Grundlage der Bewertung des Konflikts und der daran beteiligten Personen führt.(Hüther, 2012).

Als Psychodramatiker denke ich, dass die Bühne der perfekte Platz für solche „neuen, anderen Erfahrungen” ist. Wenn man noch Pruckners Idee des »Modells der drei Arbeitsbühnen« dazu nimmt, trifft das auf alle drei Teile der Bühne zu: die Begegnungsbühne, die Spiel-Aktionsbühne und die soziale Bühne.  (vgl. Pruckner, H. (2012). The three-part-stage model of therapeutic work. Zeitschrift für Psychodrama und Soziometrie, 11(2), 239-254.)

Christoph Buckel

(Karlsruhe)