Im Rahmen meiner Psychodrama-Supervisionstätigkeit stieß ich in letzter Zeit mehrfach auf ein interessantes Mißverständnis rund ums Sharing. Das Sharing ist ja eine wunderbare gruppendynamische Technik, mit der die soziometrische Egalität einer Gruppe gefördert wird. Und als solche  ist ein Sharing immer dann nützlich, wenn eine besondere Information im Kommunikationsnetzwerk einer Gruppe bzw. eines sozialen Systems auftaucht. Nehmen wir eine Therapiegruppe an einer Beratungsstelle, die sich wöchentlich einmal abends trifft. Eines Abends kommt ein Teilnehmer  – hier in der Tat ein »Protagonist«, also ein „zuerst Handelnder” − erregt zur gemeinsamen Sitzung und macht eine bewegende Mitteilung – z.B. der Partner will sich trennen, es gibt ein gut dotiertes Jobangebot aber in einer anderen Region, die Mutter liegt im Sterben nach einem Schlaganfall, Sohn / Tochter ist bei einer kriminellen Handlung erwischt worden, usw. usw.

Solche Informationen lösen natürlich bei jedem einzelnen der Teilnehmerinnen (und den LeiterInnen) neben Gedanken auch Gefühle aus: Trost und Fürsorge, Neid und Bewunderung, Mitgefühl und Mitleid, solidarische Freude usw. Allen diesen Reaktionen ist gemeinsam, dass sie das Geschehnis rund um den »Protagonisten« kommentieren und sich damit davon distanzieren. Kommunikativ gewinnen sie in der Rollendynamik damit die one-up Position dessen, der beurteilen kann. Ein Unterschied im Status tut sich auf, und der »Protagonist« bleibt letztlich allein, bestenfalls fürsorglich betreut und getröstet, womöglich aber auch stigmatisiert ausgeschlossen.

In solchen Situationen ist ein Sharing angesagt, um dieser Tendenz entgegenzuwirken und die »soziometrische Egalität« zu pflegen. Indem die GruppenteilnehmerInnen angehalten werden, von eigenen ähnlichen Erfahrungen zu berichten (oder klar zustellen, dass ihnen solch eine Erfahrung fremd ist), begeben sie sich mit der »ProtagonistIn« auf Augenhöhe, wird aus dem „Anteil nehmen” das „Teilen” des Sharings: Yaloms gruppentherapeutischer Heilfaktor „ich bin nicht allein mit dieser Erfahrung”.

Das Mißverständnis, von dem ich anfangs sprach, besteht nun darin, dass das Sharing nur als Methode zum Abschluß einer (protagonist-zentrierten) Psychodrama-Sitzung angesehen wird, seine eigentliche Funktion, das Auseinanderdriften der soziometrischen Statusunterschiede in einer Gruppe zu reduzieren, aber verkannt wird. Ein Sharing ist weit häufiger sinnvoll. In meinen Supervisions-Sitzungen in Beratungsstellen-Teams bitte ich z.B. recht häufig um ein Sharing nach der Vorstellung eines Falles, besonders dann, wenn er ungewöhnlich und sehr bewegend ist. Oder wenn ein Team-Mitglied sich zu einer Schwäche oder professionellen Ungeschicklichkeit bekennt.

Das Sharing ist eben ein eigenständiges gruppendynamisches Werkzeug und nicht nur Teil der Integrationsphase im Rahmen einer psychodramatischen Inszenierung.