Bei der Rechere zu meinem nächste Neuro-Artikel (»Die Neurophysiologie der Gruppe«) stieß ich auf den Begriff der »Soziale Netzwerkanalyse«, eine Fachgebiet der Soziologie, das in den letzten 15 Jahren erheblich Aufschwung genommen hat, wie so viele Fachgebiete, bei denen es um die Verarbeitung von großen Datenmengen geht. Die soziale Netzwerkanalyse befasst sich mit der Untersuchung von – eben das – sozialen Netzwerken aller Art, und als Psychodramatiker habe ich natürlich gleich den Bezug zur Soziometrie gesehen und war neugierig auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Es wurde interessant :D .

Der wichtigste Unterschied besteht wohl darin, dass sich Moreno mit der Soziometrie vor allem der Untersuchung von Anziehungs-und Abstoßungskräfte in sozialen Systemen widmete (Stichwort: »soziale Gravitation«).  Die Soziale Netzwerkanalyse untersucht dagegen vor allem das Ausmass und die Intensität der Beziehungen in einem sozialen Netzwerk. Wer hat mit wem Kontakt, wie häufig und wie intensiv? Die Art des Kontaktes wird hierbei konkret operationalisiert (Welcher Abgeordnete unterzeichnet Anträge anderer Abgeordneter mit? Wer steht in wessen Adressbuch? Wer verbringt wieviel Zeit mit wem?). Ein interessantes Maß ist dabei die Transitivität oder Dichte eines Netzwerks (in Prozent), d.h. wie viele der potentiell möglichen Beziehungen in einem sozialen Netz existieren auch tatsächlich?

Für mich als Gruppendynamiker war dabei besonders interessant, dass es für den einzelnen Menschen nicht so wichtig ist, wieviele andere Personen er kennt, sondern in wieweit sich diese Personen auch untereinander kennen. :idea: Ein persönliches Netzwerk (im psychodramatischen Sinne: ein soziales Atom) ist wohl dann besonders nützlich, wenn sich etwa die Hälfte der Personen auch untereinander kennen. Kennen sich viele oder fast alle, so wird dies zu einem Netzwerk, dass recht abgeschottet ist von der Außenwelt und Kenntnisse und Meinungen untereinander weitgehend teilt oder zumindest voneinander kennt. Damit gibt es dann aber in diesem Netzwerk kaum noch Neues.

Als Systemiker fand ich die alte Erkenntnis von Gregory Bateson – der Kontext bestimmt die Bedeutung – noch mal neu untermauert durch eine Vielzahl von Erklenntnissen, wie das Handeln des Einzelnen von seiner/ihrer Beziehungsumwelt im sozialen Netzwerk mitgeprägt ist.

Gemeinsam ist beiden Fachrichtungen, dass sie sich v.a. mit konkret zu definierenden sozialen Gruppen befassen – wobei die Netzwerkanalyse sich empirisch auch mit deutlich größeren Gruppierungen befasst.

Moreno selbst wird im Rahmen dessen, was ich bislang im Zusammenhang mit der Sozialen Netzwerkanalyse wahrgenommen habe, nur selten und dann nur als frühe Vorstufe erwähnt :( .

Insgesamt nochmal anregende Erkenntnisse mit einiger Relevanz für meine Praxis, vor allem als Organisationsentwickler und Anleiter von Gruppen. Ich werd‘ mich auch weiter damit befassen.